Zahlenmauern


Gemeinsam mit dem Praktikanten bearbeitet der Schüler Lennart mehrere Zahlenmauern. Der Praktikant fragt Lennart im Verlauf der Bearbeitung des Öfteren nach seinem Lösungsweg. Lennarts Antworten fallen sehr knapp aus, da ihm die Verbalisierung des eigenen Rechenvorgangs schwer zu fallen scheint.


Protokoll:

Nachdem wir uns an den Tisch gesetzt haben, tausche ich mich erst einmal mit ihm über sein momentanes Befinden und allgemein über Schule aus, um die Stimmung etwas aufzulockern.

Als erstes frage ich Lenart, ob er denn Zahlenmauern kenne. Er meint, er habe sie schon einmal gemacht, wüsste aber nicht mehr genau, wie sie funktionierten. Ich erkläre ihm an einem Beispiel, wie Zahlenmauern zu lösen seien. Danach gebe ich ihm ein Blatt mit sechs vorbereiteten Zahlenmauern mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Ich erkläre ihm dabei, dass er am besten mit der obersten beginnen solle, den Rest dürfe er sich aussuchen. Er könne so viele machen, wie er gerne möchte, d.h. er müsse nicht alle schaffen.

Lenart nimmt sich einen Bleistift und trägt in die erste Zahlenmauer die Zahlen 3, 6 und als letztes 9 ein. Dabei entstehen wenig zeitliche Pausen. Als er fertig ist, frage ich ihn, wie er darauf gekommen sei. „Na weil 2 und 1 gleich 3 sind“, antwortet er. Als ich frage, woher er das wisse, meint er: „Das weiß ich einfach.“ Auch nach mehrmaligem Nachfragen bekomme ich keine andere Aussage von ihm.

Als nächstes bearbeitet Lenart die Zahlenmauer mit der Zahl 13 als Deckstein. Er schreibt nach ca. 2 Sekunden Stille in die untere Reihe neben die 5 eine 2 und daneben eine 3. Auch hier frage ich nach seinem Lösungsweg. Die Antwort: „Na da hab ich mir einfach welche überlegt.“ In die Reihe darüber schreibt er nach kurzer Pause eine 7 in das freie Kästchen. Seine Begründung ist, dass 5 + 2 gleich 7 ergibt. Nun entsteht eine längere Pause. Nach etwa einer halben Minute fragt er mich nach einem Radiergummi. Ich gebe ihm, was er haben möchte. Er radiert die 3 weg und schreibt dafür eine 2 in das äußerste Kästchen ganz unten. „Da muss 4 rauskommen“, sagt er und zeigt auf die vorgegebene 4. Wieder schaut er eine Weile auf die Zahlenmauer. Dann radiert er auch die 7 weg und schreibt stattdessen eine 9 in das Feld. Ich frage erneut, wie er darauf gekommen sei. Er erklärt mir, dass 7 und 4 nicht zusammen 13 seien. Es fehlen noch 2 und 2 + 7 sind 9. Nach einer kleinen Pause korrigiert er noch die mittlere 2 in der untersten Reihe zu einer 4, da 5 + 4 zusammen 9 ergeben.

Danach geht er über zur letzten dreistöckigen Mauer. Als erstes schreibt Lenart von links nach rechts eine 5 und zweimal eine 2 in die untere Reihe. Seine Begründung ist wie vorher auch: „Hab ich mir einfach so überlegt.“ Anschließend füllt er ad letzte freie Kästchen mit einer 15 („Na 5 und 15 sind 20“). Nun beginnt er wie oben mit der Korrektur. Er schaut still auf die Zahlenmauer. Nach kurzer Zeit radiert er die 2 aus dem unteren Stein weg und ersetzt sie durch eine 10 („5 + 10 sind 15“). Diese Korrektur macht er nach einiger Zeit wieder rückgängig, denn 10 und 2 ergeben nicht 4, welche in dem Kästchen eine Zeile darüber vorgegeben ist. Nun folgt eine längere Pause. Ab und zu schaut er in meine Richtung. Einmal fragt er mich, ob ich ihm einen Tipp geben könne. Irgendetwas stimme noch nicht. Ich sage ihm, dass ich ihm eigentlich nicht helfen kann. Er würde sicherlich den Fehler finden, den er suche. Nun beginnt er etwas an seinen Fingern abzuzählen. Wenige Zeit später korrigiert er die 15 auf 16. Dabei heben sich seine Mundwinkel ein wenig. Lenart wird wieder still und schaut auf die Zahlenmauer. Mehrfach radiert er die mittlere 2 aus der unteren Reihe weg, hält inne und schreibt sie wieder hin. Ich frage ihn, was er denn da mache. Er antwortet, dass immer noch nicht alles stimme und fragt noch einmal, ob ich ihm helfen könne. Ich verneine erneut. Lenart schnaubt laut durch die Nase. Nach einiger Zeit lässt Lenart den Stift auf den Boden fallen und gibt ein verzweifeltes Geräusch von sich. Ich frage erneut, was er gerade überlege. „Ich glaube, irgendwas stimmt nicht. Kannst du mir nicht bitte helfen?“ Ich meine, dass ich ihm einen Tipp geben könne, wenn es wirklich gar nicht mehr weiter gehe. „Oh ja bitte“, ruft er und seine Mundwinkel ziehen sich wieder nach oben. Ich gebe ihm den Hinweis, sich nicht mehr auf die 2 zu konzentrieren. Er sitzt wieder still am Tisch. Nach einer Weile sagt er „Ich will nicht mehr!“. Ich sage ihm, dass er das bestimmt schaffe, wenn er noch einmal ganz genau hinschaut und sich stark überlegt. Dann nach ungefähr einer halben Minute radiert er schnell die 5 weg und ersetzt sie durch eine 14. Mit den Worten „So, fertig!“ legt er seinen Stift auf den Tisch und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Ich frage ihn, ob er noch weiter machen wolle. Er antwortet mit einem betonten „Nein!“ und wir kehren in den Klassenraum zurück.


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Student*in Anonym |
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